Fazit
Sie können die Zukunft nicht kennen. Aber Sie können bekannte Markterwartungen nutzen.
Wer historische Profilkosten relativ zur Forward-Kurve bewertet, vermeidet einen Fehler, der bei absoluter Fortschreibung schnell teuer wird.
und der Fehler in ihrer Bewertung
16.06.2026 • von Manuel Wissiak, Energy Expert bei Inercomp • 7 Min. Lesezeit
273,16 €/MWh.
Das ist die Zahl, die Sie aus diesem Jahr kennen. Schwarz auf weiß, aus echten Daten. Berechnet aus dem Lastprofil Ihres Kunden: Profilwert plus Ausgleichsenergiekosten, methodisch sauber, historisch belegt.
Jetzt soll ein Angebot raus. Drei Jahre Laufzeit. Und die Frage lautet: Was setzen Sie als Grundlage?
Die Zukunft kennt niemand. Energie kann teurer werden, günstiger werden... Beides ist denkbar, beides ist passiert. Sie können das Risiko nicht wegrechnen. Sie haben keine Glaskugel. Was Sie haben, ist eine Zahl, die stimmt. Sicher besser als Bauchgefühl. Zumindest ist sie ein vernünftiger Ausgangspunkt für die nächsten Jahre.
Also: 273,16 €/MWh für 2023, 2024 und 2025.
Jede andere Annahme wäre Spekulation. Irgendeine Zahl muss ins Angebot. Und wie anders kann es schon werden?
Ganz anders.
Aber der Reihe nach. Damit die Zahlen Sinn ergeben, zuerst der Kontext.
Das Profil
Sie bewerten einen Zählpunkt eines potenziellen Kunden. Typ LPZ: gemischte Erzeugung und Verbrauch. Vollständiges Kalenderjahr 2022, Viertelstundenauflösung.
Eine erste Analyse des durchschnittlichen Tageslastgangs zeigt ein typisches Muster: Der Kunde reduziert seinen Verbrauch in den günstigen Mittagsstunden. Das heißt: Er kauft überproportional in teuren Stunden ein. Das wirkt sich direkt auf den Profilwert aus.
Ergebnis: 268,20 €/MWh - gegenüber einem durchschnittlichen Spotpreis von 261,40 €/MWh im selben Zeitraum.
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Grafik 1: Das Profil reduziert den Verbrauch in günstigen Mittagsstunden und liegt stärker in teureren Stunden. Dadurch liegt der Profilwert über dem Durchschnittspreis..
Die Ausgleichsenergie
Wenn der tatsächliche Lastgang von der Prognose abweicht, die Sie an den Netzbetreiber gemeldet haben, werden die Differenzmengen zum Ausgleichsenergiepreis (AE-Preis) nachgekauft oder verkauft. Diese Abweichungskosten gehören in jedes Angebot.
Um sie historisch zu quantifizieren, brauchen Sie eine Prognose. Die Standardmethode: die Vorwochen-Methode. Die Last einer Stunde wird durch die Last derselben Stunde der Vorwoche prognostiziert. Einfach, weit verbreitet, nachvollziehbar, als Baseline vertretbar.
Für das Jahr 2022 ergibt das: 4,95 €/MWh an Ausgleichsenergiekosten.
Ihr Angebotspreis zum Stichtag 31.12.2022 für die Lieferjahre 2023 bis 2025:
I Profilwert + AE-Kosten = 268,20 + 4,95 = 273,16 €/MWh
Das sieht auf den ersten Blick sauber aus. Das Problem ist allerdings noch nicht sichtbar.
Was tatsächlich passiert ist
Die Jahre 2023 bis 2025 sahen deutlich anders aus als 2022. Die Spotpreise sind massiv gefallen und mit ihnen alle Kostenkomponenten, die relativ zum Preisniveau hängen.

Tabelle 1: Tatsächlich realisierte Spot- und Ausgleichsenergiekosten 2023–2025, LPZ-Beispielprofil.
Ihr Angebot: 273,16 €/MWh, für alle drei Jahre identisch.
Die tatsächlichen Kosten: zwischen 87 und 115 €/MWh.
Natürlich konnte niemand diese tatsächlichen Kosten am 31.12.2022 kennen. Genau deshalb ist die Tabelle kein Vorwurf an die Prognose. Sie zeigt nur, wie weit eine absolute Fortschreibung danebenliegen kann. Der eigentliche Punkt kommt im nächsten Schritt: Es gab zum Kalkulationszeitpunkt bereits bessere Informationen als den Vorjahreswert.
Die Informationen, die Sie hatten
Am 30.12.2022 schlossen die Kalender-Futures an der Börse wie folgt:

Tabelle 2: Cal-Future-Schlusskurse, 30.12.2022.
Der Markt hatte einen deutlichen Preisrückgang eingepreist. Nicht in dieser Größenordnung, das konnte niemand wissen. Aber Richtung und Tendenz waren unmissverständlich in der Forward-Kurve sichtbar.
Eine Methode, die das ignoriert und stattdessen 273,16 €/MWh aus 2022 flach in die Zukunft zieht, nutzt nicht die besten verfügbaren Daten. Sie nutzt die bequemsten.
Der Denkfehler: absolute Fortschreibung
Profilwert und Ausgleichsenergiekosten sind keine fixen Eurobeträge. Sie hängen am absoluten Preisniveau des Marktes. Wenn das Preisniveau fällt, verändern sich auch Profilwert und Ausgleichsenergiekosten. Sie sind keine fixen Euroblöcke, die unabhängig vom Marktpreis gleich bleiben.
Wer 273,16 €/MWh aus einem Hochpreisjahr einfach fortschreibt, tut so, als wären diese Kosten unabhängig vom Marktpreis. Das sind sie nicht. In einem fallenden Markt wird das Angebot systematisch zu teuer. In einem steigenden Markt systematisch zu günstig.
Die bessere Methode: relative Fortschreibung
Der Schlüssel: Drücken Sie die Kosten nicht in Euros aus, sondern als Prozentsatz des Spotpreises.

Profilwert und AE-Kosten 2022, ausgedrückt in % des durchschnittlichen Spotpreises (261,40 €/MWh).
Diese 104,50 % beschreiben etwas Stabiles: die strukturellen Eigenschaften des Profils. Seine Form, sein Abweichungsverhalten, sein relatives Kostengewicht gegenüber dem Markt. Das ändert sich nicht von Jahr zu Jahr. Was sich ändert, ist das absolute Preisniveau und das liefert die Forward-Kurve.
Wenden Sie 104,50 % auf die Cal-Futures an, die am 30.12.2022 bereits bekannt waren:

Vergleich: relative Fortschreibung vs. naive Absolutfortschreibung vs. tatsächlich realisierte Kosten.
Das relative Angebot ist im Schnitt um 39,60 €/MWh kompetitiver als das naive. Das entspricht 14,50 % günstigerer Preisstellung. Auf dasselbe Profil. Mit Marktdaten, die am 30.12.2022 bereits verfügbar waren.
Was das in der Praxis bedeutet
Ein Angebot, das 14,5 % über dem marktgerechten Preis liegt, verliert Ausschreibungen, ohne dass Sie wissen warum. Ein Angebot, das 14,5 % darunter liegt, vernichtet Marge, ohne dass Sie es beim Abschluss merken.
Relative Fortschreibung eliminiert nicht jeden Prognosefehler. Niemand wusste am 31.12.2022, dass der Spotpreis 2024 auf 86 €/MWh fallen würde. Aber sie eliminiert eine ganze Kategorie vermeidbarer Fehler: jene, die entstehen, wenn Markterwartungen ignoriert werden, obwohl sie längst eingepreist sind.
Sie können die Zukunft nicht kennen. Aber Sie können bekannte Markterwartungen nutzen.
Wer historische Profilkosten relativ zur Forward-Kurve bewertet, vermeidet einen Fehler, der bei absoluter Fortschreibung schnell teuer wird.

von Manuel Wissiak, Energy Expert bei Inercomp • 16.06.2026
Dieser Beitrag basiert auf Analysen, die für das Inercomp Load Profiles eTool entwickelt wurden.
Die verwendeten Zahlen stammen aus historischen Marktdaten (2022–2025) und dienen der methodischen Illustration.
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