MARKTKOMMENTAR
Marktkommentar Mai 2026
In drei Zeitperspektiven beeinflusst die fossile Energiekrise die Energiewirtschaft. Zunächst gibt es unmittelbare Folgen für die Marktentwicklungen im April. Gleichzeitig beschließt die EU energiepolitische Maßnahmen, um die Energiekosten für die Industrie abzufedern. In der langen Zukunftsaussicht muss es trotz allem zu einem drastischen Umsteuern der gesamten Wirtschaftsstruktur kommen.
Kurzer Rückblick: Die Waffenruhe im Iran-Konflikt mitsamt diplomatischer Initiativen im April hat die Energiepreise von ihrer Spitze geholt. Das Vor-Konflikt-Niveau wurde zwar nicht erreicht, eine deutliche Entspannung war aber auszumachen. Die Gaspreise für das Frontjahr bewegen sich am TTF knapp unter 40 EUR/MWh, während das deutsche Strom-Frontjahr um 90 EUR/MWh pendelt. Die Marktreaktion fällt derzeit insgesamt verhalten aus: Asien importiert wesentlich weniger LNG oder substituiert mit anderen Brennstoffen (Fuel Switch). Der globale Preiskampf bleibt damit vorerst gedämpft. Dennoch ist die Straße von Hormuz de facto geschlossen, was das Risiko großer Preisvolatilität zur Folge hat.
Für den Mai ist Folgendes zu erwarten: Nachdem sich eine dauerhafte Lösung des Iran-Konflikts nicht andeutet, sind steigende Preise mehr als möglich. Der Aufwärtstrend der Gaspreise könnte die Strompreise mitziehen. An den Spotmärkten in der ersten Maiwoche wegen geringer Erneuerbaren-Erzeugung werden ohnehin steigende Preise erwartet. Sollten sich diplomatische Bemühungen als vielversprechend herausstellen, können die Preise jedoch auch schnell auf ein niedrigeres Niveau fallen.
Neben der kurzfristigen Folgenbewältigung treibt die EU energiepolitische Entlastungen voran. So genehmigte die Kommission im April staatliche Beihilferegelungen in Deutschland, Bulgarien und Slowenien, die energieintensiven Unternehmen günstigere Strompreise ermöglichen sollen. Grundlage ist der Clean Industrial Deal State Aid Framework (CISAF), den die Kommission erst im Sommer 2025 verabschiedet hatte. Die schnelle Nutzung dieses Rahmens zeigt den politischen Druck, die Industrie vor hohen Energiekosten zu schützen.
Der CISAF setzt klare Leitplanken: Gefördert wird höchstens die Hälfte des jährlichen Stromverbrauchs; der ermäßigte Preis darf 50 EUR/MWh nicht unterschreiten; mindestens 50 % der Beihilfe sind verpflichtend in Dekarbonisierungsmaßnahmen zu reinvestieren. Antragsberechtigt sind nur Unternehmen aus Sektoren mit erhöhtem Carbon-Leakage-Risiko, also Branchen, in denen die Verlagerung der Produktion in Staaten mit geringeren Umweltstandards droht. Dazu zählen etwa Chemie-, Metall-, Papier-, Glas- und Halbleiterindustrie. Viele Teile des produzierenden Gewerbes bleiben damit außen vor.
Zu den nationalen Ausgestaltungen sind nur begrenzt Details bekannt. Deutschland hat mit 3,8 Milliarden Euro das mit Abstand größte Budget vorgesehen; die Beihilfe wird jährlich nachträglich über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) ausgezahlt und auf Basis des durchschnittlichen EEX-Terminmarktpreises des Vorjahres berechnet. Das dürfte auch die Beschaffungsstrategie der Unternehmen beeinflussen. Bulgarien hat 334 Millionen Euro budgetiert, als erstes EU-Land die Förderung aktiviert und zahlt die Entlastung monatlich über die Stromlieferanten aus. Slowenien wählt mit 90 Millionen Euro und halbjährlichen Auszahlungen einen Mittelweg. Allen drei Regelungen ist gemeinsam: Sie sind auf drei Jahre befristet und lösen die strukturelle Herausforderung hoher Energiekosten nicht dauerhaft. Positiv ist die Reinvestitionspflicht, weil sie öffentliche Mittel nicht bloß zur Deckung laufender Kosten nutzt, sondern in Technologien lenkt, die das Stromsystem langfristig entlasten, ohne fossile Brennstoffe zu fördern.
Wichtig ist das Zusammenspiel mit bestehenden Fördermechanismen, insbesondere der Strompreiskompensation. Beide Instrumente sind zwar kombinierbar, jedoch nicht für dieselben Strommengen. Für Verbräuche, für die im jeweiligen Abrechnungsjahr Strompreiskompensation beantragt wird, ist der Industriestrompreis ausgeschlossen. Unternehmen müssen daher abwägen, welches Instrument wirtschaftlich günstiger ist; für viele stromintensive Betriebe kann die Strompreiskompensation attraktiver sein.
In Österreich wurde zur selben Zeit die Öffnung des Portals für den „Industriestrombonus“ bekanntgegeben. Der Begriff ist dem „Industriestrompreis“ zwar ähnlich, bezeichnet aber eine andere Maßnahme: die Strompreiskompensation, rechtlich im Standort-Absicherungs-Gesetz verankert, die energieintensive Betriebe für indirekte CO₂-Kosten entschädigt, welche Stromerzeuger über den Emissionshandel weitergeben. Das Instrument ist im EU-Beihilferecht grundsätzlich vorgesehen, war in Österreich jedoch in den vergangenen Jahren ausgesetzt. Dass Österreich nun ohne abschließende EU-Freigabe startet, birgt regulatorisches Risiko, ist politisch aber nachvollziehbar: 75 Millionen Euro stehen rückwirkend für 2025 bereit, rund 60 Unternehmen aus Papier- und Stahlindustrie warten auf Entlastung. Ein eigenständiger Industriestrompreis nach deutschem Modell bleibt zwar diskutiert, ist wegen der angespannten Budgetlage aber noch nicht beschlossen.
In der Summe entsteht ein für die europäische Energiepolitik typisches Bild: unterschiedliche Instrumente, nationale Ausgestaltungen und ein gemeinsamer Rahmen, der viel Interpretationsspielraum lässt. Ob diese Maßnahmen die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie tatsächlich stärken und zugleich Investitionen in eine dekarbonisierte Energieversorgung anstoßen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Mit Blick auf die längerfristige Entwicklung: Wegen der akuten Krise erwartet die Internationale Energieagentur (IEA) ein drastisches Umsteuern der Märkte, ähnlich wie nach den Ölkrisen der 1970er Jahre. "Ich glaube, es wird eine massive Antwort auf diese Krise auf der Energie-Seite geben", sagte IEA-Chef Fatih Birol beim Petersberger Klimadialog in Berlin. Ein Blick zurück: 1960 gründeten Iran, Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela die OPEC, die bis 1973 auf 12 Mitgliedsstaaten wuchs und die Interessen erdölproduzierender Staaten vertreten sollte. Mit deutlichen Parallelen zu den heutigen Ereignissen destabilisierte ein militärischer Konflikt die Situation: Anlässlich des Jom-Kippur-Kriegs im Herbst 1973 drosselte die OPEC ihre Fördermengen um 5%. Innerhalb eines Jahres hat sich der Ölpreis von 3 USD/Barrel auf 12 USD/Barrel vervierfacht.
Die verbrauchsstarken Länder reagierten mit Effizienz, Verzicht und Investitionen. Während Autos vorher 20 Liter Treibstoff für 100 Kilometer gebraucht hätten, sei der Verbrauch nach der Krise auf die Hälfte geschrumpft, bekräftigte Birol. In Deutschland wurde das Energiesicherungsgesetz erlassen, auf dessen Grundlage ein Fahrverbot an autofreien Sonntagen galt. Außerdem: ein Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen. Vergleichbare Maßnahmen werden heute aus klimapolitischen Kreisen gefordert, stoßen jedoch auf erheblichen Widerstand. Auch Österreich reagierte übrigens mit einem autofreien Tag pro Woche im Jänner 1974 für den Zeitraum von 5 Wochen – und mit den sogenannten Energieferien. Um Heizöl zu sparen, bekamen Schulkinder Anfang Februar eine Woche frei, heutzutage als Semesterferien bekannt.
Neben der Finanzierung höherer Effizienzgrade wurden die Gelder damals vor allem in alternative Technologien investiert. Erneuerbare spielten kaum eine Rolle, in erster Linie schaffte die damalige Regierung mehr Unabhängigkeit durch Atomkraft, die derzeit erneut an Bedeutung gewinnt. Sogenannte Small Modular Reactors (SMR) sollen von der EU subventioniert werden und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnet die Abkehr von der Atomkraft als „strategischen Fehler". Ob diese Energieform reaktiviert werden sollte, ist umstritten - insbesondere mit Blick auf die langfristige Verantwortung für Endlagerung und Sicherheit. Parallel dazu schreiten die Investitionen in erneuerbare Energien weiter voran. Dazu passt die aktuell stattfindende Konferenz in Kolumbien, bei der 60 Staaten in einem Fahrplan den Ausstieg aus den Fossilenergien festschreiben wollen.
Fatih Birol meint, heute sei man auf ein Umsteuern besser vorbereitet als noch vor 50 Jahren. Die nötigen Technologien seien vorhanden, darunter erneuerbare Energien und elektrischen Fahrzeuge. Die Frage lautet: Wollen Politik und Gesellschaft diese Transformation? Wenn es nach den Märkten und nach der Geschichte (und nach der Vernunft) geht, kommen wir nicht daran vorbei. Sonst drohen uns die ökonomischen Auswirkungen, mit denen sich Deutschland ein Jahr nach der Ölpreiskrise auseinandersetzen musste. 1974 brachte eine Wirtschaftskrise mit Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Firmeninsolvenzen.
Die weltweite Energiewirtschaft steht an einem Scheideweg. Die Märkte reagieren derzeit verhalten, während politische Maßnahmen vorbereitet werden und sich tiefgreifende strukturelle Veränderungen abzeichnen.
Ihr Matthias Kisslinger
Für das Team der Inercomp