MARKTKOMMENTAR
April 2026
Der anhaltende Konflikt zwischen dem Iran und den USA prägt weiterhin die internationalen Energiemärkte. Inzwischen hat sich das Geschehen zu einer regionalen Auseinandersetzung mit direkten Auswirkungen auf die Energieinfrastruktur im Iran und in den Golfstaaten ausgeweitet. Die Folgen sind längst auch global spürbar: Über nahezu alle konventionellen Energieträger hinweg sind deutliche Preissteigerungen zu beobachten. Damit wächst das Risiko einer erneuten Inflationsdynamik – von höheren Kraftstoffpreisen über steigende Beschaffungskosten bis hin zu Belastungen für Industrie und Gesamtwirtschaft. Fachleute sprechen bereits von einer fossilen Energiekrise und einem Öl- und Gaspreisschock historischen Ausmaßes.
Nach einem Monat militärischer Eskalation ist die Lage weiterhin offen. Klar erkennbar sind jedoch die Entwicklungen an den Rohstoff- und Terminmärkten: Der Gaspreis für den TTF-Frontmonat stieg von Anfang März bis Anfang April von 32 auf 54 EUR/MWh. Der deutsche Strompreis für das Lieferjahr 2027 erhöhte sich im selben Zeitraum von 81 auf 94 EUR/MWh. Das Kohle-Frontjahr zog von 98 auf 133 EUR/t an, der kurzfristige Ölpreis von 70 auf 112 USD je Barrel. Nach dem starken Anstieg zu Beginn des Monats hat die Dynamik zuletzt etwas nachgelassen, gleichzeitig bleibt die Volatilität hoch. So verlor der TTF-Frontmonat innerhalb einer Woche zwischenzeitlich 9 %, während tägliche Ausschläge von 5 bis 6 % inzwischen eher die Regel als die Ausnahme sind. Parallel dazu ist am Ölmarkt einer der steilsten Preisanstiege der jüngeren Geschichte zu beobachten. Für europäische Verbraucher bedeutet dies nicht nur erhöhte mediale Aufmerksamkeit, sondern spürbare Mehrkosten. Beschwichtigende Aussagen aus den USA, wonach der globale Ölmarkt weiterhin gut versorgt sei, konnten die Märkte bislang nicht beruhigen.
Besonders gravierend sind die Auswirkungen auf den internationalen Energiehandel. Rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gashandels ist von der Einschränkung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus betroffen. Während die Meerenge zuvor täglich von 80 bis 120 Schiffen passiert wurde, darunter etwa zur Hälfte Tanker, verkehren aktuell nur noch wenige Schiffe. Der Durchlass bleibt ausgewählten Staaten vorbehalten, darunter Pakistan, Indien, Malaysia, Thailand und China. Allein im März gingen dadurch schätzungsweise rund 95 TWh an LNG-Exporten verloren. QatarEnergy erklärte gegenüber dem italienischen Versorger Edison den Fall höherer Gewalt und stornierte zehn LNG-Ladungen bis Mitte Juni. Ersatzlieferungen sind grundsätzlich in Aussicht, jedoch zu deutlich höheren Preisen. In Europa sind bislang keine akuten Versorgungsengpässe erkennbar, gleichwohl verschärft sich die Lage und die EU-Energieminister koordinieren derzeit Krisenmaßnahmen.
Zugleich setzt sich die geopolitische Eskalation fort. Am letzten Märzwochenende griffen jemenitische Huthi-Einheiten erstmals Israel an und weiteten den Konflikt in Richtung Bab al-Mandab aus, einem weiteren strategischen Nadelöhr des Welthandels im südwestlichen Bereich der Arabischen Halbinsel. Damit geraten neben den Energiemärkten auch industrielle Rohstoffmärkte zunehmend unter Druck. Das weltweit größte Aluminiumwerk an einem Einzelstandort wurde stillgelegt; insgesamt stammen rund 10 % des globalen Aluminiumangebots aus den Golfstaaten.
Saudi-Arabien versucht, Teile der Ausfälle zu kompensieren. Über die East-West-Pipeline werden Exporte zum Rotmeerhafen Yanbu umgeleitet, zuletzt in einem Umfang von rund 4,6 Millionen Barrel pro Tag. Dieses Volumen ist erheblich, ersetzt jedoch nur einen Teil der Mengen, die zuvor täglich die Straße von Hormus passierten. Sollte auch saudische Infrastruktur am Roten Meer Ziel von Angriffen werden, wäre dieser Ausweichkorridor ebenfalls gefährdet. JP Morgan skizziert bereits ein mögliches Folgeszenario: In diesem Fall müsste saudisches Öl über die SUMED-Pipeline durch Ägypten ins Mittelmeer umgeleitet werden – verbunden mit längeren Transportwegen und entsprechend höheren Kosten.
Die realwirtschaftlichen Folgen reichen inzwischen deutlich über die Energiemärkte hinaus. Südkorea, das rund 70 % seines Ölbedarfs aus dem Nahen Osten deckt, erwägt erstmals seit dem Golfkrieg 1991 landesweite Fahrverbote für Privatpersonen. Sri Lanka hat die Stromtarife um mehr als 7 % erhöht und ringt um ausreichende Rohöllieferungen für seine einzige Raffinerie. Weltweit wächst zudem das Risiko von Engpässen bei physischen Gütern wie Düngemitteln oder Getreide. In Europa treffen die Auswirkungen derzeit vor allem die Industrie, deren steigende Produktionskosten zunehmend inflationswirksam werden dürften. Darin liegt das zentrale wirtschaftliche Risiko – vergleichbar mit der Gasknappheit des Jahres 2022.
Sollte die Verknappung anhalten, könnte sich die Preisbildung an den Energiemärkten auf einem Niveau verfestigen, bei dem industrielle Abnehmer wirtschaftlich nicht mehr tragfähig produzieren können, weil die kurzfristigen variablen Kosten über den erzielbaren Produktpreisen liegen. Bei einem Gaspreis von 54 EUR/MWh rücken einige Branchen bereits wieder in kritische Bereiche vor – trotz deutlich niedrigerer Preise als auf dem Höhepunkt des Jahres 2022. Deutsche Wirtschaftsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für 2026 bereits deutlich reduziert.
Auf europäischer Ebene werden derzeit unterschiedliche politische und regulatorische Optionen diskutiert: Preisdeckel, Abschöpfungen bei Übergewinnen von Energieproduzenten, ein beschleunigter Ausbau der erneuerbaren Infrastruktur, stärkere Koordination zwischen den Mitgliedstaaten sowie Maßnahmen zur Verbrauchsreduktion bis hin zu verkehrspolitischen Eingriffen. Litauen etwa hat die Ticketpreise für Zugreisen halbiert, um Mobilität von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Am 31. März 2026 stimmte die EU-Kommission ihre Mitgliedstaaten auf eine längere Phase hoher Treibstoffpreise ein. Parallel dazu werden Maßnahmen zur Gasspeicherbefüllung und zur Sicherung der Ölversorgung abgestimmt. Zugleich appelliert die Kommission an Verbraucherinnen und Verbraucher, ihren Energieverbrauch – insbesondere im Verkehrsbereich – zu reduzieren.
Wie sich die Lage weiterentwickelt, lässt sich derzeit nur eingeschränkt bewerten, da die geopolitische Dynamik klassische Fundamentalanalysen in den Hintergrund drängt. Der vielfach erwartete LNG-Angebotsüberschuss infolge steigender globaler Verflüssigungskapazitäten ab dem Sommer dürfte vorerst ausbleiben. Zusätzliche Eskalationsrisiken ergeben sich aus der Möglichkeit eines erweiterten militärischen Engagements der USA. Selbst bei einer kurzfristigen politischen Deeskalation würde es voraussichtlich drei bis vier Monate dauern, bis die verbliebenen katarischen Anlagen – rund 83 % der Gesamtkapazität – wieder Volllast erreichen. Die Wiederherstellung zerstörter Infrastruktur dürfte deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen. Bis dahin fehlt dem Markt ein erhebliches LNG-Angebot. Vor diesem Hintergrund warnte EU-Energiekommissar Dan Jørgensen, dass selbst ein rascher Friedensschluss nicht zu einer kurzfristigen Rückkehr zur bisherigen Marktnormalität führen würde.
Die politischen Signale aus den USA haben bislang nicht zur Beruhigung der Märkte beigetragen. Gleichzeitig mehren sich zum Stichtag 1. April Hinweise auf diplomatische Initiativen, nachdem ein möglicher US-Rückzug in Aussicht gestellt wurde und China sowie Pakistan ihre Vermittlungsbemühungen intensivieren. In dieser Gemengelage ist eine sorgfältige Prüfung von Preis- und Beschaffungsrisiken weiterhin von hoher Bedeutunmg. Aus heutiger Sicht sehen wir kurzfristig mehr Aufwärts- als Abwärtspotenzial. Zugleich bleibt ein besonnener und abgewogener Umgang mit der Situation entscheidend.
Abschließend möchten wir daran erinnern, dass unser Anspruch weiterhin in einer möglichst objektiven Analyse der Marktentwicklungen liegt. Die menschliche Tragik kriegerischer Auseinandersetzungen und das damit verbundene Leid werden damit nicht relativiert, stehen jedoch bewusst außerhalb des unmittelbaren Fokus dieses Marktkommentars. Umso mehr bleibt die Hoffnung auf eine rasche Deeskalation und eine friedliche Entwicklung der Lage.
Ihr Matthias Kisslinger
Für das Team der Inercomp