MARKTKOMMENTAR
März 2026
Vor dem Angriff auf den Iran war die Versorgungslage für Erdgas in Europa klar: Steigendes zusätzliches Angebot aus den USA und Katar wurde erwartet, die Preise sanken für das Cal 2027 am TTF unter 25 EUR/MWh. Am 4.3. notiert das Cal 2027 wieder bei 34 EUR/MWh und das Cal 2028 ist gering beeinflusst bei knapp 26 EUR/MWh.
Diese positiven Aussichten auf einen Gasüberschuss sind wegen der Kriegsgeschehnisse im Nahen Osten für die kommenden Perioden getrübt. Über das Wochenende um den Monatswechsel vom Februar zum März 2026 wurde ein Risiko schlagend, das in der Energiewirtschaft seit Jahrzehnten wie ein Damoklesschwert über der globalen Energieversorgung hängt. Die Straße von Hormus, das Nadelöhr des Öl- und LNG-Transports, ist infolge des Angriffs auf den Iran und der entsprechenden Gegenreaktionen faktisch gesperrt. Die Gasmärkte in Europa reagieren sehr deutlich, am kurzen Ende mit rund plus 50 Prozent (Stand: 04.03.2026, 14:45 Uhr). Ob diese Bewegung eine Überreaktion ist oder erst der Beginn einer längeren Aufwärtsspirale, hängt von der Eskalationsdynamik ab. Die Lage wird sich täglich neu bewerten lassen müssen, jede Antwort ist an dieser Stelle zwangsläufig unbefriedigend. Entscheidend ist die Dauer der Sperre, davon hängen die Auswirkungen auf alle Energiemärkte ab.
Auch der Strommarkt in EU-Europa ist vom Jahrestief des Cal-2027-Kontrakts von ca. 77 EUR/MWh auf 87 EUR/MWh gestiegen. Eine Preistendenz selbst für die kurze Frist ist momentan aus energiewirtschaftlicher Sicht nicht seriös ableitbar. Ob die Preise wieder fallen, wird in den politischen Hinterzimmern verhandelt. Der gesamte Energiekomplex befindet sich im Aufwind. Auch der Fuel Switch zu günstigeren Alternativen ist nicht möglich, weil Öl und Kohle ebenso steigen. Strom als Derivat all dieser Brennstoffe wird automatisch mitgezogen. Daher ist diese Krise einzigartig, weil sie global ist und gleichzeitig Gas und Öl betrifft. Das hatten wir noch nicht.
So wie bei der Energiepreisexplosion infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine ist der CO₂-Preis aktuell nicht beeinflusst. Dabei war er hauptsächlich verantwortlich für das Absinken der Strompreise zur Februarmitte. Mit 76 EUR/MWh sah das Frontjahresprodukt ein Jahrestief – ausgelöst durch mehrere Berichte und Aussagen über die Perspektive des CO₂-Marktes, der zwischen Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie und Klimanotwendigkeit oszilliert. Denn einerseits werden die Kosten der Dekarbonisierung zur Zielerreichung einen weit höheren Preis als heute gehandelt erfordern, und andererseits wird ein Preis von 100 EUR/t als zu hoch angesehen. Sowohl der deutsche Kanzler Merz als auch der slowakische Premier Robert Fico schlugen in diese Kerbe mit Forderungen nach einer Überarbeitung des Konzepts bzw. einer EU-ETS-Verzögerung um 4–5 Jahre. Nur zwei Tage dauerte diese Unsicherheit, bis sich der Markt wieder beruhigte. Doch sie ist Ausdruck für den Gesinnungswandel bei der Klimapolitik.
Zurück in den Nahen Osten. Die gesamten Exporte aus Katar und damit rund 20 % des weltweit produzierten LNG passieren die Meerenge im Persischen Golf. Von der Größenordnung ist das mit dem Ausfall der russischen Pipeline-Lieferungen im Jahr 2022 vergleichbar, mit einem wesentlichen Unterschied: Eine dauerhafte Sperrung erscheint kaum vorstellbar. Bei einer langfristigen Sperrung fehlten nicht nur rund 20 % der globalen LNG-Produktion, sondern auch etwa 20 % der Ölproduktion. Manche Experten nennen in diesem Zusammenhang eine erneute Energiekrise und Ölpreise von 100 USD/bbl sowie Gaspreise von 90 EUR/MWh. Letzteres würde eine knappe Verdreifachung zum jetzigen Gaspreisniveau bedeuten. Aber ohne Einschätzung zur Dauer von Krieg und Transportsperre ist jegliche Aussage unseriös. Klar ist: Eine anhaltende Angebotsreduktion würde die Preise so weit treiben, dass die Nachfrage spürbar zurückgehen muss – mit entsprechenden Effekten auf die Weltwirtschaft.
Es ist wohl eine naive Vorstellung, dass eine Militäroperation innerhalb von maximal vier Wochen den Boden für demokratische und stabile Verhältnisse ebnet. Militärisch ist das übergeordnete Ziel ohnehin, die Angriffsfähigkeit des Iran zu unterbinden, und für Energieversorgung und Preise zählt letztlich genau das. Ein Bericht aus 2025 für den US-Kongress hilft bei dieser militärischen Einordnung: Dort wird erwähnt, dass der Iran die Straße von Hormus mit Minen, Raketen, Schnellbooten und anderen Mitteln unterbrechen könnte, die USA aber die Fähigkeit hätten, die Transportwege zeitnah wiederherzustellen, solange keine Seeminen installiert wurden (was dem aktuellen Kenntnisstand entspricht).
Bei all der Spekulation, in aller Kürze die Fakten (Stand: 04.03.26): Aktuell passieren keine Schiffe die Meerenge. Der Iran hat verkündet, die Sperre zu exekutieren. Oman vermeldete, dass zwei Schiffe getroffen wurden. Versicherungen und Reedereien treten zurück und veranlassen Schiffe, Anker zu setzen: Rund 20 LNG-Schiffe stehen bereits westlich der Meerenge, von insgesamt etwa 150 bis 200. Die Häfen im Persischen Golf sind noch in Betrieb, es gibt Meldungen über gestörte GPS-Signale. Ebenso gibt es Meldungen, dass Produktionsanlagen in Katar bei Ras Laffan mit Drohnen attackiert wurden. Weitere Produktionsstätten in der Region beginnen, Personal in Sicherheit zu bringen, zuletzt etwa am Ölfeld Shaikan im Irak, das die Produktion von rund 40.000 Barrel pro Tag kurzfristig stillgelegt hat. Neben der Transportunterbrechung besteht damit die reale Gefahr, dass Produktionskapazitäten nachhaltig beschädigt werden.
Die Analogie zu 2022 hilft bei der Einordnung der Marktreaktion. Mit der Invasion in die Ukraine reagierten die Gasmärkte heftig, das Frontquartal verdoppelte sich in wenigen Tagen. Danach entspannte sich die Lage zusehends, und erst als das Angebot tatsächlich merklich zurückging, stiegen die Preise zu den bis heute bekannten Höchstwerten. Der Markt bewertet nicht nur Fakten, sondern ebenso Risiken. Es wäre vermessen, alle Möglichkeiten korrekt zu bewerten, ebenso wie es zu kurz greift, die Marktreaktion als unplausibel abzutun.
Was man bei all den Unsicherheiten sagen muss: Die Speicherfüllstände in Europa sind knapp und erhöhen die möglichen Preisausschläge. Am Ende werden es diese Preisausschläge sein, die eine Angebotsreduktion über Nachfragereduktion ausgleichen müssen. Im Gegensatz zu vergangenen Energiekrisen sind Öl und Gas, wie gesagt, gleichzeitig betroffen. Ein Fuel Switch zu Heizöl wird damit ökonomisch wenig attraktiv ausfallen, die Preiselastizität sinkt also wegen mangelnder Ersetzbarkeit. Kohleverbraucher profitieren und sind nicht vergleichbar betroffen. Damit trennt sich der Fuel Switch wieder deutlicher, die Preisverteilung bei den Strompreisen wird größer. Der Wert von Flexibilität steigt somit, selbst wenn es „nur“ gelingt, in den teuren Stunden Nachfrage zu reduzieren. Gleichzeitig fällt auch der Österreich-Aufschlag bei den Strompreisen größer aus, wenn sich die Wirtschaftlichkeit der Verstromung von Gas gegenüber Kohle verschlechtert.
Wir konzentrieren uns hier bewusst auf eine nüchterne Analyse der Energiemärkte. Die menschliche Dimension bleibt damit nicht ausgeblendet, sondern außerhalb des Betrachtungsrahmens. Umso mehr hoffen wir auf rasche Deeskalation und friedvolle Entwicklungen. „War is the continuation of politics by other means.“
Ihr Felix Diwok
Für das Team der Inercomp