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Marktkommentar

Dezember 2021

Der Preisanstieg der Energierohstoffe bleibt weiter auf einem historisch noch nicht beobachteten Niveau. Der Gasmarkt notiert für Lieferungen in Deutschland für das nächste Jahr bei ca. 54 EUR/MWh und das nächste Monat kostet beinahe 80 EUR/MWh. Die Preise kommen aus dem asiatischen Markt, der unverändert seit dem Beginn des Q4 eine extreme Nachfrage aufweist. Und die „Rettung“ für Europa gibt es nicht mehr. In vergangenen Perioden war die Rettung manchmal der Einsatz von Kohlekraftwerken zur Stromproduktion. Das hat dann die Gasnachfrage gedämpft und somit den Preis auf den Hubs in Europa wieder gedrückt. Diesmal ist die Situation anders. Die Kohlekraftwerke laufen auf Vollast und trotzdem benötigen wir noch Gas für die Stromproduktion in vielen Stunden.

Das führt dann zu extrem hohen Strompreisen. Nur in Skandinavien, wo die Strompreisbildung nur in geringem Umfang von Gas- oder Kohlekraftwerken beeinflusst ist, ist das Preisniveau für das nächste Jahr mit ca. 40 EUR/MWh für Strom wesentlich unter jenen der Hubs in DE, AT, HU, SLO, FRA, HOL oder der Iberischen Halbinsel mit Preisen zwischen 110 und 140 EUR/MWh.

Die Preise für Gas reagieren derzeit auf jede Veröffentlichung von politischen Entscheidungsträgern. Fundamental liegen sie sowieso weit über den Gestehungskosten. Es ist daher der Preis von Gas ein Ausdruck einer physischen Knappheit und nicht eine Funktion der Kosten. Der Verbrauch von Gas in Europa liegt in Deutschland seit dem Sommer unter dem Wert des Corona-Jahres 2020. Die Substitution von Gasverbrauch (billige Preise 2020) durch Kohleverbrauch ist im Lauf des August passiert. Daher glauben wir auch nicht, dass sich im kommenden Jahr die gleiche Entwicklung wie im Jahr 2009 ereignen wird, in dem die Preise dann um mehr als 70% im Vergleich zu 2008 abgestürzt sind. Folgende Faktoren sehen wir:

Der Ölmarkt beeinflusst am Terminmarkt die Gaspreise in Europa. Da ist viel Politik drinnen und wir erwarten zwar einen Rückgang der Ölpreise im nächsten Jahr, aber dieser wird nicht so stark sein, wie vor 12 Jahren, weil wir keine vergleichbaren Energieüberschüsse erwarten. Bis Mitte November bewegte sich der Ölpreis für das Cal 2022 auf ca. 80 USD/Fass. Der Ölmarkt ist durch Fördereinschränkungen der OPEC im Zuge der Pandemie weiter unterversorgt, da die ursprünglichen Fördervolumina noch nicht erreicht sind. Der Ölterminmarktpeis ist historisch gesehen ein wichtiger Indikator für den Gasterminmarkt. Diese Korrelation ist jedoch durch physische Liefereinschränkungen gestört. Die erwartete Inbetriebnahme der NordStream-Pipeline könnte am Spotmarkt relativ rasch eine Entspannung bringen, wenn gleichzeitig die asiatische Nachfrage zurückgeht. Aber wöchentlich erreichen uns Meldungen aus der Politik oder von den Regulierungsbehörde, warum sich das noch verzögert. So bleiben die Gaspreise in bisher ungesehener Höhe.

Ein weiterer Unterschied zwischen 2008/09 und der gegenwärtigen Situation ist die Entwicklung des CO2-Preises und die Veränderung der Klimaziele weltweit. CO2 notiert in etwa bei 65 EUR/t und beeinflusst dadurch den Strompreis in allen EU-Ländern maßgeblich. Daher ist auch der Rückgang auf das Preisniveau von März 2020, als der CO2-Preis wieder unter 20 EUR/t notierte, aus unserer Sicht nicht zu erwarten.

Wir glauben für das kommende Jahr an ein besseres Angebot beim Gasimport nach Europa und eine Normalisierung der heute sehr geringen Gasspeichermengen in der EU. Auch die LNG-Importe in NW-Europa können dann wieder steigen, sobald die asiatischen Gaspreise, die Mitte November am Spotmarkt bei umgerechnet 95 EUR/MWh notieren, zurück gehen.

CO2 bleibt in der Erwartung der Marktteilnehmer der Hauptgrund, warum sich in Europa heuer eine außergewöhnliche Änderung der Energiepreissituation ergeben hat, die teilweise bleibend ist: Kohle ist in vielen Marktgebieten durch Gas ersetzt worden. Vergleichsweise günstige Gaspreise und hohe CO2-Preise haben die Produktion von Strom aus Kohle unwirtschaftlich gemacht. Die Gaspreisbewegung der letzten Monate hat diese Entwicklung wieder umgedreht. Seit August sind die Kohlekraftwerke in Europa wieder voll in Betrieb, da der hohe Gaspreis den CO2-Nachteil nicht ausgleicht.

Durch den Minderverbrauch an Energie im 1. Corona-Jahr ist der Überschuss an CO2-Zertifikaten im EU-ETS (EU-Emissionshandelssystem) weiter angestiegen. Das führt zu einem geringeren Angebot an Zertifikaten bis zur Mitte des Jahres 2022. Gemeinsam mit der Erwartung an steigende CO2-Preise, weil die Emissionsreduktionsziele der EU stark erhöht wurden, sollte der CO2-Preis weiter steigen. 2030 wollen wir in Europa nun 55% weniger Emissionen als 1990 haben und die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür werden nun geschaffen. Das wird in den nächsten beiden Jahren zu zusätzlicher Volatilität der CO2-Preise führen, je nachdem welche Gesetze nun wie ausgestaltet werden.

Ein Rückgang des Preisanstiegs für Strom und Gas im Ausmaß wie vor 12 Jahren kann nur dann passieren, wenn die CO2-Preise massiv nachgeben. Und das ist derzeit nicht in Sicht, wenn die Gesellschaft die Verpflichtungen aus dem Klimawandel für die Zukunft ernst nimmt. Die Summe der Unsicherheiten zur Preisentwicklung haben einen neuen Höchststand erreicht. Wir erwarten trotzdem einen Preisrückgang im Spotmarkt im Jahr 2022, da vom ungünstigen Wetter bis zum politischen Tauziehen bei den Ölförderquoten, bei der genauen Ausgestaltung des europäischen Klimarechts, oder der Inbetriebnahme der Nordstream II derzeit viele preistreibende Faktoren dominieren. Die gehen teilweise wieder weg und der nächste warme Winter ist wahrscheinlicher als ein kalter. Unter diesen Vorzeichen wünschen wir gute Entscheidungen.

 

Für das Team der Inercomp

Felix Diwok

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