Loader
 

Marktkommentar

November 2022

Nachdem Ende August die Preise für Strom für das Cal 23 in Deutschland über 1000 EUR/MWh und für Gas über 300 EUR/MWh notiert haben, hat die exponentielle Preisbewegung ein Ende gefunden und die Preise haben sich von diesen Extremen wieder auf 500 EUR/MWh (Strom) und 190 EUR/MWh (Gas) bewegt.

Es bleibt für die Marktteilnehmer klar, dass die Störung der Marktpreise durch das fehlende Gasangebot langanhaltend sein werden.

Die angekündigten und hektisch diskutierten Lenkungsmaßnahmen der EU und der nationalen Regierungen werden vorbereitet und das verursacht eine höhere Volatilität der Preise. Das Prinzip „Hoffnung“ schlägt durch. Fundamental bleibt noch immer zweifelhaft, ob große EU-Länder wir Deutschland auch ohne Verbrauchsbeschränkungen durch den Winter kommen.

Gleichzeitig verursacht die Weitergabe der Preise an kleine und sehr große Letztverbraucher immer mehr und immer größere Probleme. Denn wenn am Anfang des Preisanstiegs Unternehmen noch in der Lage waren, ihre Produktpreise zu erhöhen, so sind sie nun immer mehr gezwungen, ihre Produktion einzuschränken oder zu Verlagern. Auch die Haushalte, die den Preisanstieg noch nicht im vollen Umfang spüren, sind in vielen Ländern Europas an der finanziellen Belastungsgrenze.

Russland verursacht auch im September mit den nicht ausreichenden Lieferungen, die jedoch in Summe nicht auf 0 zugehen, den maximalen Schaden in Europa. Lieferungen von 0 würden eine klare Opposition der EU zur Folge haben. Bei Lieferungen unter 1 TWh/Tag reicht es für Europa im nächsten Winter zwar nicht, aber viele Menschen glauben, dass noch mehr kommen könnte.

Seit meinem Arbeitsbeginn im Energiehandel 1998 war eine Situation, wie sie nun nach Ausbruch des Krieges vorherrscht, nicht denkbar. Es besteht in Europa Energieknappheit und die Politiker der EU-Mitgliedsländer ringen nun damit, ob, welche und wann Energielenkungsmaßnahmen angebracht sind. Aus unserer Sicht funktioniert die Preisbildung: Die Preise sind so hoch, dass zusätzliches Angebot an Strom und Gas vermiedene Nachfrage ist. D.h. viele Industrieunternehmen verkaufen nun Strom und Gas, da sie mit den Energiepreisen ihre Waren nicht produzieren können. Daher verkaufen Sie Strom, Gas und CO2. Das führt nun Mitte September zu einem Rückgang von den Preisspitzen. Zu einem guten Teil baut die Erwartung jedoch auf unklare Hilfsmaßnahmen der Regierungen oder der EU. Diese wird unserer Meinung nach jedoch überschätzt. Die Knappheit bleibt bestehen und der Marktpreis muss den Preis suchen, bei dem die Industrie Energie nicht mehr konsumiert oder Gas durch Öl oder andere Brennstoffe ersetzt.

Der Gaspreis wird in den nächsten Monaten dominant für Strom und Kohle bleiben. Kohlekraftwerke laufen in Europa auf Volllast, der Kernenergieausstieg Deutschlands führt zu zusätzlicher Knappheit am Strommarkt und auch da herrscht eher das Prinzip Hoffnung als Klarheit. Die französischen AKW produzieren weit unter saisonal üblichen Mengen, die Hydrologie ist vom Balkan bis nach Norwegen unterdurchschnittlich. Die Kohlepreise sind auf ein neues Rekordniveau gestiegen. Das Q1 2023 wurde Anfang September um 350 USD/t gehandelt. Der CO2-Preis hat nun nachgegeben und ist bei ca. 65 EUR/t auf einem Tiefstand. Gas bleibt auch aufgrund der hohen Kosten für alternative Brennstoffe das Zünglein an der Waage für die Stromproduktion.

Der Kohlepreis könnte, aus unserer Sicht, rascher sinken als der Gaspreis in Europa. 140 USD/t sind bei anhaltenden Rezessionsängsten gut möglich. Derzeit ist das nicht realistisch, weil alle Großverbraucher Gas durch alternative Brennstoffe wie Öl, Kohle oder Biomasse ersetzen wollen.

Auch beim Strom ist die Hoffnung auf ein weiteres Absinken der Preise eher getrübt. Die französische AKW-Produktion wird wahrscheinlich zurückkommen, aber knapp bleiben. Alle gehen davon aus, dass die Hydrologie besser werden soll.

Wie geht es weiter? Wir bleiben dabei: Fragen Sie Putin oder Biden oder die Astrologin Gerda Rogers. Die hohen Preise sind langfristig ein starker Anreiz für zusätzliches Angebot an LNG und den Umstieg auf die Erneuerbaren Energien. Der Krieg mit Russland wird mit jedem Tag noch länger erwartet und somit steigen auch die Terminmarktpreise für das Jahr 24 und danach. Knapp 235 EUR/MWh kostet nun Strom (BL) für das Jahr 2024. Wirtschaftlich eine wahre Katastrophe für die europäischen Volkswirtschaften, die mit der steigenden Inflation noch an Dynamik gewinnt.

Wir wissen nicht, welche überraschende Wendung sich auf der weltpolitischen Bühne noch ergibt: Europa bleibt nur das Hoffen auf warmes Wetter im Winter und besseres Angebot an Erneuerbaren Energien, damit wir den Strom nicht aus Gas- und Kohlekraftwerken produzieren müssen. Das wird jedoch immer schwerer, da die konventionellen Kraftwerke in Europa tendenziell abgeschaltet werden und der Umbau zu den Erneuerbaren zu langsam geht. Da hilft auch der Wunsch der EU nach Reduktion des Verbrauches in Europa nach 15% Gas-Einsparung nicht alles. Die Regierungen wollen den Bürgern das Energiesparen nicht zumuten, sondern Ausgleichszahlungen bereitstellen. Das wird den Verbrauch steigern und die Knappheit tendenziell erhöhen.

Trotzdem werden Gas und Strom wieder in ferner Zukunft günstiger erwartet, einfach weil so fantastisch hohe Preise sowohl das Angebot als auch die Nachfrage beeinflussen. Jedoch wird der günstigere Preis nur dann innerhalb eines Jahres kommen, wenn der Krieg eine extreme Wendung nimmt und es zu einer unmittelbaren Aussöhnung mit Russland kommt. Was dazu passieren müsste, können wir uns auch nicht vorstellen. Daher bleiben die europäischen Märkte Spielball zwischen Sanktionen und den Einschränkungen durch den Krieg. Und obwohl die Ukraine (physisch) und EU-Europa (finanziell) die Rechnung dieses Konflikts bezahlen, haben sie nur wenig mitzureden. Die Last der ukrainischen Bevölkerung erscheint unmenschlich und es ist zum Verzweifeln, dass Europa keine guten Karten bei der Bekämpfung des von Putin verursachten Unrechts hat.

Wir glauben (Achtung – nicht alle in unserem Haus), dass die Gasflüsse aus Russland jedenfalls weiter eingeschränkt werden. Entweder liefert Putin weiterhin zu wenig (aber nicht 0) oder die Europäer schaffen es, die „Drohung“ des Import-Stopps wahr zu machen und drehen den Hahn somit selbst zu. Es ist aus meiner Sicht nur eine Frage ob die EU schneller beim LNG-Terminal-Bau ist oder Putin LNG-Exporte nach China, Mongolei oder Indien schafft oder einfach mehr Aluminium und Kunstdünger produziert (nehmen Sie das bitte symbolisch).

Die Situation bleibt aus unserer Sicht für alle sehr ungünstig. Großverbraucher, Letztverbraucher und sogar Energieproduzenten haben mit den hohen Preisen bisher unbekannte und große Anpassungsschwierigkeiten.

Wir wünschen Ihnen persönlich und in der Arbeit für Ihre Firmen alles Gute in dieser Ausnahmesituation und unterstützen Sie gerne, wenn Sie das wollen und wir das können.

 

Ihr Felix Diwok, CEO, für das Team der Inercomp

LuxundLumen_WEB_003