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Marktkommentar

Oktober 2021

Der Preisanstieg der Energierohstoffe erinnert uns an das Jahr 2008. In den letzten Wochen sind die Spot- und Terminmarktpreise für das nächste Jahr weiter auf neue historische Höchststände gestiegen. Die 2. Jahreshälfte 2021 notiert in Deutschland bei ca. 95 EUR/MWh am Strommarkt. Auch auf der HUDEX, der für Osteuropa wichtigen ungarischen Börse, liegen die Preise über 110 EUR/MWh. Beim Gas lesen wir nun knapp 45 EUR/MWh für das Q4/2021 auf den Schirmen. Ein Plus von 10 EUR/MWh gegenüber dem Vormonat. Die extreme Knappheit am Spotmarkt kommt aus der Verfügbarkeit von Gas. Diese ist wiederum mittelbar eine Konsequenz aus der extremen Nachfrage in Asien kombiniert mit dem Streit um die NordStream-Pipeline.

Wir glauben daher nicht, dass sich im kommenden Jahr die gleiche Entwicklung wie im Jahr 2009 ereignen wird, in dem die Preise dann um mehr als 50% im Vergleich zu 2008 abgestürzt sind. Folgende Faktoren sehen wir:

Der Ölmarkt beeinflusst am Terminmarkt die Gaspreise in Europa. Da ist viel Politik drinnen und wir erwarten zwar einen Rückgang der Ölpreise im nächsten Jahr, aber dieser wird nicht so stark sein, wie vor 12 Jahren. Seit Ende Juni bewegt sich der Ölpreis für das Q1 2022 zwischen 55 und 60 EUR/Fass (Achtung Währung und Periode) seitwärts. Die erwartete Fertigstellung der NordStream-Pipeline sollte am Spotmarkt relativ rasch Entspannung bringen, wenn gleichzeitig die asiatische Nachfrage zurückgeht. Auch die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei und der Anstieg des Verbrauchs an allen Arten von Commodities ist 2021 im Jahresvergleich zwar bedeutend, aber die Verbräuche liegen bei wesentlichen Energierohstoffen noch unter dem Jahr 2019 und das Angebot wird bei diesen hohen Preisen ausgeweitet werden.

Der bedeutendste Unterschied zwischen 2008/09 und der gegenwärtigen Situation jedoch die Entwicklung des CO2-Preises und die Veränderung der Klimaziele weltweit. CO2 notiert in etwa bei 55 EUR/t und beeinflusst dadurch den Strompreis in allen EU-Ländern maßgeblich. Die Erhöhung der CO2-Ziele von China bis über Europa und die USA erscheint aus unserer Sicht auch ableitbar, wenn wir die entsprechenden veröffentlichten Diskussionen richtig interpretieren. Deutschland ist hier beispielsweise wieder weiter als viele andere: Sowohl die Klimaziele werden verschärft (Klimaneutral schon 2045), als auch die von CO2-Kosten betroffenen Sektoren ausgeweitet. So sind seit Beginn dieses Jahres in Deutschland die Raumwärme und der Straßenverkehr im Brennstoffemissionshandelsgesetz nun auch von CO2-Kosten betroffen. Ähnliche Gesetze in Europa werden in vielen EU-Mitgliedsstaaten erlassen oder sind in Vorbereitung.

Gleichzeitig erwarten wir für das kommend Jahr ein besseres Angebot beim Gasimport nach Europa und einen Ausgleich der heute sehr geringen Gasspeichermengen in der EU. Auch die LNG-Importe in NW-Europa können wieder steigen, da die asiatischen Gaspreise mit Werten unter 40 EUR/WMh für die Exporteure attraktiver sind als die Destination Europa.

Alle Marktteilnehmer gegen davon aus, dass die Preise in den nächsten Jahren wieder zurückgehen werden. Die Terminmarktnotierungen für das nächste Jahr liegen bei Strom, Öl und Gas über den Werten für z.B. 2025 und zeigen das.

CO2 bleibt in der Erwartung der Marktteilnehmer der Hauptgrund, warum sich in Europa heuer eine außergewöhnliche Änderung der Energiepreissituation ergeben hat, die teilweise bleibend ist: Kohle ist in vielen Marktgebieten durch Gas ersetzt worden. Vergleichsweise günstige Gaspreise und hohe CO2-Preise haben die Produktion von Strom aus Kohle unwirtschaftlich gemacht. Die Gaspreisbewegung der letzten Wochen hat diese Entwicklung wieder umgedreht. Im August sind die Kohlekraftwerke in Europa wieder voll in Betrieb, da der hohe Gaspreis den CO2-Nachteil nicht ausgleicht.

Durch den Minderverbrauch an Energie im 1. Corona-Jahr ist der Überschuss an CO2-Zertifikaten im EU-ETS (EU-Emissionshandelssystem) weiter angestiegen. Das führt zu einem geringeren Angebot an Zertifikaten bis zur Mitte des nächsten Jahres. Gemeinsam mit der Erwartung an steigende CO2-Preise, weil die Emissionsreduktionsziele der EU stark erhöht wurden, sollte der CO2-Preis weiter steigen, wenn die Politik die Ziele ernst nimmt. 2030 wollen wir in Europa nun 55% weniger Emissionen als 1990 haben und die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür werden nun geschaffen. Das wird in den nächsten beiden Jahren zu zusätzlicher Volatilität der CO2-Preise führen, je nachdem welche Gesetze nun wie ausgestaltet werden.

Ein Rückgang des Preisanstiegs im Ausmaß wie vor 13 Jahren kann nur dann passieren, wenn die CO2-Preise massiv nachgeben. Und das ist derzeit nicht in Sicht, wenn die Gesellschaft die Verpflichtungen aus dem Klimawandel für die Zukunft ernst nimmt. Die Summe der Unsicherheiten zur Preisentwicklung haben einen neuen Höchststand erreicht. Wir erwarten trotzdem einen Preisrückgang im Spotmarkt im Jahr 2022, da vom ungünstigen Wetter bis zum politischen Tauziehen bei den Ölförderquoten, bei der genauen Ausgestaltung des europäischen Klimarechts, oder der Inbetriebnahme der Nordstream II derzeit viele preistreibende Faktoren dominieren. Diese gehen teilweise wieder weg und der nächste warme Winter ist wahrscheinlicher als ein kalter. Unter diesen Vorzeichen wünschen wir gute Entscheidungen.

Für das Team der Inercomp

Felix Diwok

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