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Marktkommentar

Juni 2024

Über 5%-Strompreisanstieg! Was im Sommer 2022 vor zwei Jahren noch mehrmals am Tag passierte, ist inzwischen eine Ausnahmeerscheinung. Doch am 03.06.2024 konnte nach langer Zeit wieder ein derartiger Preissprung im Strom für das Frontjahr 2025 Base festgestellt werden. Verursacht wurde die Singularität durch einen Vorfall am norwegischen Gasnetz, der zu einer kurzfristigen Gasversorgungsreduktion führt. Obwohl die Unterbrechung nur zwei Tage andauern soll, haben die Preise einen schnellen Anstieg erfahren. Das ist vor allem ein Zeichen für die immer noch existente Fragilität des Systems und ein Beispiel für die große Herausforderung der Energiemarktanalyse: das börsliche Wechselspiel aus psychologisch getriebenen und fundamental begründeten Energiepreisen. Ein Teil der Glaskugel bleibt stets verborgen, aber wir können mit all unserer Expertise mittel- bis langfristige Entwicklungen erkennen. Die Fundamentaldaten jedenfalls zeigen für die meisten Länder Europas auf Preise für Strom und Gas, die in diesem Sommer 2024 tiefer sind als 2023. Bullish wird der moderate Anstieg des Verbrauchs in Europa erwartet, doch dieser wird durch das anhaltende Wachstum der erneuerbaren Energien überkompensiert. Einzig in Polen dürfte der Verbrauchszuwachs größer ausfallen als der Zubau an Erneuerbaren. Der Erneuerbaren-Ausbau übersteigt somit die nach Pandemie und Inflation langsam wachsende Nachfrage, was nach klassischer Marktlogik die Preise drückt.

Der wesentliche Hinweis auf die Erwartung der Sommer-Preise kommt aus den aktuellen Terminkontrakten Gas und CO2. Der Gaspreis als letzte Merit-Order-Kraftwerksressource ist weiterhin dominant für die Preisbildung am Strommarkt., da der Kernenergieausstieg Deutschlands zusammen mit der geringen Verfügbarkeit der französischen AKW langfristig zu Knappheit am Strommarkt führt, wenn die Erneuerbaren nicht produzieren. Für diesen Sommer gehen wir von einer bearishen Einschätzung des Gasmarktes aus. Der Gaspreisrückgang führt in der Folge zu einem Rückgang des Brennstoff- und CO2-Komplexes, da die EUA-Preise stark mit dem Gas korrelieren. In den letzten Monaten haben sich die CO2-Preise an den TTF-Gaspreisen orientiert, da man davon ausgeht, dass niedrigere Gaspreise die Umstellung von Kohle auf Gas fördern und so zu geringeren Emissionen führen sollten. Angesichts des engen Kausalzusammenhangs zwischen Gas und CO2 vermutet Reuters, dass auf einen weiteren Rückgang des Gaspreises in diesem Sommer auch niedrigere CO2-Preise folgen. Wir unterstützen diese Argumentationskette und erwarten für diesen Sommer eher einen Rückgang der Strompreise. Dafür sorgt auch die starke Verringerung der spekulativen CO2-Positionen. Nach den spekulativ getriebenen Anstiegen im CO2, das in die Preisformel für Strom und Gas aufgrund der fossilen Erzeugung integriert wird, haben sich die Short-Positionen reduziert. Folge davon: das Aufwärtspotential im CO2 ist ebenso begrenzt wie im Strom und im Gas, was zu eher bearishen Gesamtaussichten über den Sommer führt.

Die in den letzten Jahren durch extrem hohe Preise verursachte Nachfragereduktion geht ebenso in die Preiserwartung ein. Nach Korrektur der Ist-Nachfrage um den Temperatureffekt haben wir in ganz Europa starke Abweichungen von den Normalwerten vor der Krise gesehen. Im letzten Jahr war der Minderverbrauch in Deutschland bis zu -16 % und in Frankreich und am britischen Markt mindestens -7 %. In diesem Winter hat sich der Bedarf wieder leicht erholt. Die verminderte Nachfrageprognose wurde für den Sommer 2024 berücksichtigt und die Daten zeigen auf ein optimistischeres Wachstum in Deutschland und Großbritannien, das durch die Elektrifizierung getrieben ist, während Frankreich keine Zeichen auf eine Verbrauchserholung aussendet.

Zur Preisentwicklung: Die Energieknappheit Europas im Nachgang der Ukrainekrise ist verschwunden. Im Gegenteil, die Erneuerbaren haben so viel Strom produziert, dass Gas in vielen Stunden eingespeichert statt verbraucht werden konnte. Wir starten auch in diesem Jahr mit prallen Speichern in den Winter, was zusätzlich die Angebotssituation für die kommende Heizsaison entspannt. Eine gute Gasangebotslage sorgte bis Ende Februar 24 für eine Fortsetzung der schon 2023 zu beobachtenden Abwärtstendenz, die im März umgeschlagen ist, denn das niedrige Preisniveau führte zum Auffüllen einiger CO2-Short-Positionen.

Seitdem hat sich eine Aufwärtsbewegung eingestellt, die im Strom stärker ausfiel als im Gas. Unserer Ansicht nach wurde sie eher von Geopolitik und Psychologie, denn von Fundamentalanalyse begründet. Insbesondere in der ersten Mai-Hälfte hat sich der Auftrieb beschleunigt. Der Mai war der Monat mit den zweitgeringsten LNG-Importmengen seit Dezember 2021. Ursache für die niedrigen LNG-Importe sind im globalen Nullsummenspiel die hohen Importe in Asien: Für März, April und Mai stehen die summierten Importe für China, Taiwan, Südkorea und Japan jeweils bei Rekordwerten. Südostasien befand sich mitten in einer Hitzewelle mit Temperaturen bis zu 5°C über der Norm, was Kühlbedarf fördert und den Energiehunger treibt. Und was auf der einen Seite in hoher Menge daherkommt, muss auf der anderen Seite reduziert werden, wodurch die europäischen Importe ins Tal wanderten. Ende Mai stabilisierten sich die Preise auf hohem Niveau wieder. Das Aufwärtspotential sollte ab jetzt begrenzt sein.

Die Energiekrise in Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine hat einen sich fortsetzenden Boom beim PV-Angebot gebracht. Die PV-Erzeugung wird in diesem Sommer in den Big6-Ländern Europas (DE, UK, FR, PL, SP, IT) voraussichtlich um insgesamt +16 TWh (oder: 14%) zunehmen. Eine Prognose für den Anstieg der Windenergie zeigt bei einem durchschnittlichen Wetterszenario einen Anstieg von +26 TWh (oder: +20%), wobei die Prognosewerte für Windstrom in den Wetterszenarien deutlich mehr als die Solarstromertragsprognose schwanken. Der starke prozentuale Anstieg im Sommervergleich ist auch auf die eher niedrigen Windgeschwindigkeiten im letzten Sommer zurückzuführen (in GB und ESP). Der erwartete Mehrverbrauch der Big6-Länder beträgt 16 TWh und könnte daher allein durch die 16 TWh Solarüberschuss gedeckt werden, was eine rückläufige Entwicklung der Residuallast für die Big6 im Vergleich zum Sommer bedeuten würde. Die Restnachfrage wäre um insgesamt 26 TWh reduziert (minus 4% Y-o-Y), die Erneuerbaren überkompensieren den steigenden Energiehunger – mit spannenden Folgen für die Strompreisbildung.

Denn der massive Ausbau führt zu mehr Stunden mit niedrigen oder negativen Spotpreisen. Damit kannibalisieren PV-Anlagen nicht nur ihren eigenen Erlös, sie haben auch die systematische Abschaltung von bspw. Laufwasserkraftwerken zur Folge. Die äußerst niedrigen Preise drücken zudem ein unangenehmes Detail der fundamentalen Situation aus: Wir haben zu viel Stromerzeugung insbesondere zur Tagesmitte. Nun kann entweder die Erzeugung mit Abschaltung reagieren oder aber sich die Verbrauchsseite an die neue Situation anpassen. Uns fehlen zusätzliche, flexible Verbrauchseinheiten – am besten welche, die die Dekarbonisierung in anderen Sektoren vorantreiben: E-Autos, Batteriespeicher, Power2Heat-Anlagen, Elektrolyseure und Wärmepumpen. Aber ähnlich wie die Errichtung von Windkraftanlagen oder die Erschließung von neuen Erdgasfelder braucht die Errichtung der verbrauchsseitigen Anlagen mit technischer Planung, Genehmigungen und der Finanzierung viel Zeit und Vorlauf. Im Endeffekt läuft es auf ein Rennen hinaus zwischen dem Ausbau weiterer Erneuerbaren Erzeugungsanlagen und dem Ausbau neuer Verbrauchseinheiten. Wenn im aktuellen Jahr nochmal so viel PV errichtet wird, ist es unwahrscheinlich, dass wir nächsten Frühling weniger Nullstunden als in diesem Jahr sehen werden. Das kann aber auch positiv sein: In der Vergangenheit war der Stromeinsatz zur Sektorkopplung mit den zuvor erwähnten Anlagen sehr teuer. Mit der Zunahme günstiger Stromstunden werden Investitionen in diese für die Dekarbonisierung wichtigen Assets immer profitabler.

Für diesen Sommer erwarten wir rein analytisch niedrige Preise, wobei deutliche Preisreduktionen nicht zu erwarten sind, ist doch die geopolitische Gefahrenlage zu risikobehaftet und die Preisbildung zu signifikantem Teil psychologischer Natur. Wir hoffen, dass dieser Ausblick auf die „Sommerpreise“ bei Ihren Entscheidungen hilft.

 

 

 

Ihr Felix Diwok, CEO

Für das Team der Inercomp

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