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Marktkommentar

April 2020

Der Ölpreis hat Mitte Februar 2016 einen Tiefpunkt bei knapp 30 USD/bbl erreicht, im Sommer 2018 die 83 USD/bbl (Y+1) überschritten und nun 56 USD/bbl (Brent Month Ahead) erreicht.  Die Unsicherheit wegen des kurzfristigen Verbrauchsrückgangs ist groß. „Wir sollten das Coronavirus ernst nehmen, uns aber nichft fürchten“, so die Statments der westlichen Politiker. Gleichzeitig glauben die Mehrheit der Marktteilnehmer daran, dass das Ölangebot 2020 steigen wird. Diese Erwartung wird durch die aktuell zunehmenden Sorgen über die Verbrauchsentwicklung gestärkt, denn das Wirtschaftswachstum wird global gesehen auch ohne Coronavirus schwächer beurteilt. Die meisten Marktteilnehmer erwarten nun keine Öl-Knappheit, obwohl die OPEC im Juni 2019 Maßnahmen zur Reduktion des Angebots getroffen hat und auch im Dezember 2019 weitere 0,5 Millionen Fass Produktionskürzung beschlossen hat.

Parallel dazu haben die bis Oktober 2018 gestiegenen Kohlepreise (95 USD/t für Y+1) zu einem Anstieg der Strompreise am Terminmarkt geführt. Die derzeitigen Rahmenbedingungen lassen eine Rückkehr auf das Strompreisniveau von vor zwei Jahren nicht zu. Kohle notiert Ende Februar für Y+1 bei ca. 57 USD/t, so tief wie im Dezember 2016. Der Strommarkt (Deutschland) ist im Verlauf des August von seinem Höchststand zwar um ca. 14% auf 41 EUR/MWh gefallen. Er befindet sich jedoch nun am unteren Ende der Bandbreite der Preise, die wir seit Oktober 2018 beobachten. Der geringere Kohlepreis im Vergleich zum Herbst 2018 wird weiterhin durch höhere CO2-Kosten wettgemacht. Der CO2-Preis pendelt um die 25 EUR/t.

Der Ölpreis wirkt über die Gas-Öl-Preiskorrelation im Terminmarkt, auf die Gas(terminmarkt)preise am CEGH (Österreich, Ungarn, Slowenien, Kroatien) und NCG (Deutschland, Tschechien, Slowakei, West-Österreich) und TTF (Benelux). Die Gasspeichermengen sind Ende Februar 2019 in Europa weiterhin auf historischen Höchstständen. Von Knappheit keine Spur und die Spot-Preise unter 10 EUR/MWh (Erwartung für Q2 2020) sind ein Zeichen des Gas-Überangebots. Die Zustimmung zum Bau der Nord Stream 2 Anfang November durch Dänemark hat das Risiko eines Versorgungsengpasses im Jahr 2020 stark reduziert, auch wenn die Fertigstellung nicht kurzfristig erfolgen wird.

Gleichzeitig ist LNG im Überfluss verfügbar. Wegen der, im Vergleich zum Gaspreis, hohen Kohlepreise wird der Fuel Switch (Kohle zu Gas) relevanter und wir erwarten auch in der Zukunft einen vermehrten Gaseinsatz bei der Stromerzeugung. Die Preise in UK zeigen uns einen gaspreisdominierten Strommarkt und die daraus resultierenden höheren Preise für Strom. Strom für das Frontjahr kostet in UK historisch gesehen ca. 3 EUR/MWh mehr als in Deutschland.

Die Stromerzeugung durch Gaskraftwerke führt also grundsätzlich zu höheren Strompreisen. In der Situation des extrem guten Gas-Angebots, erwarten wir das für 2020 nicht. Der CO2-Preis wird jedenfalls  spielentscheidend für die Strompreise und die Gasnachfrage bleiben. Und da ist nun – trotz MSR (Market Stability Reserve des CO2-Handeslssystems) – ein Rückgang möglich. Es wird vor allem Anfang Q2 2020 nach dem Ende der Compliance-Periode 2020 eine spannende Phase der CO2-Preisentwicklung kommen. Sollte der Verbrauch schwächeln (Virus, Wetter, Wirtschaft), so werden die Besitzer von Emissionsrechten eher geneigt sein, diese zu verkaufen. „Buy and hold“ als Bewirtschaftungsstrategie rentiert sich dann vielleicht nicht mehr.

LNG hat 2019 in Europa an Bedeutung gewonnen. Bis zu 20 % der benötigten Mengen kamen von Tankschiffen. LNG Spot in Asien handelt Ende Februar bei unter 10 EUR/MWh und das wird das LNG Angebot bei uns wieder erhöhen. Die Drohungen der USA gegen Russland wegen der Nord Stream 2 Pipeline gehen gerade wegen dieser Situation im Lärm der Meldungen unter.

Auch wenn die Erneuerbaren Stromerzeugungsanlagen immer weiter ausgebaut werden, können sie mittelfristig keinen vollständigen Ersatz zu Kohle- oder Kernkraftwerken darstellen, die kontinuierlich über die nächsten Jahre vom Netz gehen werden und heute die gesicherte Leistung zu relativ niedrigen Kosten zur Verfügung stellen. Gleichzeitig wird der Strom- und Gasverbrauch in Zukunft weiter steigend erwartet, da Strom vermehrt Öl und Gas ersetzen wird und im Haushalt zusätzlich Wärme sowie generell Mobilität zur Verfügung stellt. Gas aus eigner Produktion geht in der EU und GB zurück, somit steigt der Importbedarf von selbst weiterhin mit 5-10% je Jahr. Heuer steuert der fehlende Winter jedoch stark gegen den Verbrauchszwachs entgegen.

Nach einem starken Preiseinbruch der CO2-Preise im Frühjahr 2017 auf unter 5 EUR/t, ist mit der Rechtssicherheit für die 4. Allokationsperiode auch die Nachfrage nach Emissionsrechten gestiegen. Die Preise bewegen sich derzeit bei 23 – 28 EUR/t. Wie es da weitergeht, bestimmt die Politik: Vom Brexit bis zur deutschen Kohlekommission bestehen große Fragezeichen. Eine starke EU-Kommission mit einem Fokus auf den Klimaschutz kann wesentliches bewegen und renomierte Prognosen zeigen auf eine Preiserwartung bis knapp unter 40 EUR/t für das Jahr 2021 hin.

Die Preise für alle Energierohstoffe (Strom, Öl, Kohle und Gas) sind im Jahresvergleich stark zurückgegangen. Weiter nach unten ist die Bewegung bei Gas und Strom nur mehr begrenzt im Terminmarkt möglich. Das Coronavirus könnte jedoch alle Erwartungen nochmals über den Haufen werfen. Gleichzeitig wird die hohe Volatilität der Spotmarktpreise für Strom und Gas nur langsam geringer. Der Kohle-Ausstieg sowie die Umsetzung der EU-Emissionsrichtlinien und des „Clean Energy Package“ werden entscheidend bei der weiteren Preisentwicklung von Strom und Gas sein. Auch „Fridays for Future“ wird langfristig seine Wirkung entfalten. Die Spotmärkte für Gas und Strom notieren auf  historischen Tiefpreisen. Die Wirtschaftspolitik sendet ebenso keine bullishen Signale aus. CO2 könnte in Europa jedoch für Preisextreme beim Strompreis sorgen, die nur in geringem Zusammenhang mit den reinen Brennstoffkosten stehen. Die Entwicklung der Kosten für CO2-Emissionen und die Ausbreitung des Coronavirus sind die am schwierigsten einzuschätzenden Größen für die Energiepreisbildung.

 

Für das Team der Inercomp
Felix Diwok

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